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Schweizer Lager im Libanon Sommer 2014

Hi, Kifak, ça va, bitak hamam?[1]

Jeden Sommer organisiert der Deutsche Malteser Hospitaldienst in den christlichen Hügelgebieten von Libanon Sommerlager für Menschen mit Behinderungen. Dies seit Franziskus „Zico“ Heereman aus Deutschland im Jahre 1997 vor Ort die desolate Situation in den mit Spenden getragenen Heimen gesehen hatte. Wenigstens einmal im Jahr sollte den Bewohner dieser Heime eine schöne Abwechslung beschert sein. Dieses Jahr hatte zusätzlich eine Schweizer Delegation von sechs jungen Erwachsenen die Möglichkeit an diesem Ereignis teilzuhaben.

Dieser Artikel will die Leserin und den Leser nun auf eine mentale Reise in den Libanon miteinladen und teilhaben lassen an dieser für alle Partizipienten so wertvollen Erfahrung. Aber nun alles der Reihe nach.

Karawane ist im Malteserorden eine Bezeichnung dafür, dass ein junger Mensch sich für eine gewisse Zeit in den Dienst seiner Gesellschaft stellt. Der junge Malteser Matthieu Michel aus Freiburg hat dies während neun Monaten in Libanon gemacht, indem er verschiedene von religiösen Orden geführte Behindertenheime in einem wöchentlichen Turnus besucht hatte, mit dem Ziel durch Unterhaltungsprogramme Farbtupfer in die Eintönigkeit des Heimalltags zu bringen. Danach entstand der Gedanke, zuerst eine Schweizer Delegation beim nächsten Deutschen Sommerlager mitzuschicken, und in Zukunft sogar ein Lager unter Schweizer Leitung durchzuführen.

Manche werden bei Libanon gleich an eine unstabile politische Lage denken. Aber dass der Libanon auch ein Vorzeigeland in vielerlei Hinsicht ist, wird zu wenig erwähnt. Es ist das multikulturellste Land des Orients, mit 18 anerkannten Religionsgemeinschaften und zahlreichen Ethnien und Minderheiten wie Palästinenser, Kurden, Syrier, Armenier, Aramäer. Beirut ist eine kosmopolitische Stadt, mit zahlreichen geschichtsträchtigen Relikten in der nahen Umgebung. Das intellektuelle Grundgerüst der westlichen Zivilisation beruht auf der semitischen Theologie und der griechisch-römischen Philosophie. Eine Reise in den Libanon ist für einen Europäer also auch eine biblische Spurensuche[2]. Kirchen aller Konfessionen sind ubiquitär, sehr zum Erstaunen vieler Europäer, die ein solches Selbstbewusstsein seitens der Christen im Morgenland nicht erwartet hätten. Libanon hat mit seinen vier Millionen Einwohnern beinahe zwei Millionen palästinensische und syrische Flüchtlinge aufgenommen. Soviel wie kein anderes Land. Dennoch gibt es zuweilen Spannungen und die Lagerorganisatoren vor Ort und in Deutschland scheuen keine Mühen in der Überwachung der Sicherheitslage und im Anpassen des Sicherheitsdispositivs.

Am Sonntag angekommen, wurden wir informiert, dass bereits am nächsten Tag die Gäste eintreffen würden. Es hatten eben Lager stattgefunden, sodass alle Vorräte aufgefrischt waren und ohne grosse weitere Vorbereitungen die Woche mit den neuen Gästen beginnen konnte. Es gab einen Gesamtverantwortlichen, „Masuul“ genannt, und drei Teamleader, die die Ansprechpersonen für die Freiwilligen sein würden. Drei Kitchen-Mamis würden für das leibliche Wohl aller Teilnehmenden sorgen, während eine Logistikverantwortliche sicherstellte, dass wir stets alle nötigen Utensilien hatten, und die Transportmittel für Ausflüge zur rechten Zeit bereitstünden. Unsere „Hakima“ [3] war eine aufgestellte und sehr engagierte Chirurgin aus Konstanz und sorgte für die medizinische Begleitung des Camps. Unser Abouna[4], Pater Hugh Kennedy, Priester aus dem Malteser Orden, sorgte für die spirituelle Untermalung des Camps. Wir erhielten gleichentags einen Crash-Kurs in Caretaking und Windelwechseln und wurden über den Lagerablauf aufgeklärt. Jeder Gast würde jeweils einen Freiwilligen an seine Seite erhalten. Dann gab es sogenannte Jumpers, die wie es der Name sagt, zwischen Masuul, Teamleader, Freiwilligen und Hakima hin und her springen. So zum Beispiel, wenn ein Freiwilliger eine kurze Pause benötigt. Viele der Jumper waren Libanesen, da sie auch Übersetzerrollen übernehmen konnten. Das Unterhaltungsteam hatte die Aufgabe, Events zu organisieren, bei denen möglichst viele Gäste mitmachen konnten.

Mit der Morgenandacht um 7 Uhr begann der Tag. Sie bestand aus Liedern und Gebeten. 7:25 holten wir die Gäste aus den Schlafzimmern ab, die stets in Vorfreude und bereits hellwach auf die Helfer und Helferinnen warteten. Es folgte ein gemeinsames Frühstück mit dem traditionellen Fladenbrot, Käse, aber auch mit Müesli und Milch. Am Vormittag und Nachmittag fand jeweils eine Aktivität statt. Dies konnte eine Modeschau sein, wobei sich Helfer und Gast möglichst ulkig verkleiden würden und sich zum allseitigen Jubel der Jury bestehend aus dem Masul und der Hakima präsentierten. Das Unterhaltungsteam gab sich alle Mühe stets Aktivitäten zu finden, von denen alle Gäste profitieren könnten. Ob der grossen Vielfalt an verschiedenen Behinderungen war dies eine Herausforderung. Es gab ein Fussballturnier, wobei ein Schützling im Rollstuhl das erste Tor schoss. Sein Helfer hatte den Ball auf seinen Stuhl gesetzt und ist ins gegnerische Tor gerollt. Der Torschütze hatte ein riesiges Strahlen im Gesicht, während die Fans auf der Seitenlinie tobten. Ein Zirkus wurde veranstaltet, ein Keksebacken, eine Olympiade, Spaziergänge zur ortsansässigen Kirche, Pepsitrinken. Ein Schminkanlass mit Wohlfühloase wurde eingerichtet. An einem Tag fuhren alle an den Strand. Viele der Gäste waren das erste Mal im Wasser. Zur Verstärkung gab es Pizzaplausch und Cola zum Mittagessen. Gegen 17:00 Uhr fand jeweils die gemeinsame Messe statt, zu der alle freudig gingen. Es waren Momente der Einkehr, inmitten vom von Tumult und Aktivitäten erfüllten Tag. Unser Abouna[5], der für viele auch abseits der Messe für Diskussionen aufgesucht wurde, fand stets die richtigen Worte, sodass viele sich jeweils persönlich in ihrer Situation angesprochen fühlten und Kraft schöpften für die wunderbaren, aber anstrengenden Tage mit den Gästen. Die Worte der Messe waren sehr bedacht gesprochen und wandten sich an den Verstand und ans Herz. Auch den Gästen taten diese Momente der Einkehr gut, und sie beruhigten sich nach einem langen Tag der Aufregung jeweils erstaunlich. Das Lager war eine Erfahrung Christi für alle Beteiligten; die Helfer empfanden die tiefe Freude und Genugtuung im Dienste der Schwächsten der Gesellschaft und die Gäste erfreuten sich an der Zuneigung und persönlichen Zuwendung des Helfers. „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan (Mt 25)“. Der Helfende war zugleich Geholfene, und der Geholfene stets auch der Helfende. Richtiger Dienst ist nie herablassend, sondern heraufziehend. Nach der Messe gab es Abendessen. Darauf folgte ein Liedersingen, bevor wir zum Lagerklassiker „Schlafanzugszeit“ die Gäste zu den Schlafzimmern brachten, um sie bettfertig zu machen. Die ganze Nacht gab es Helfer, die „nightshift“ hatten, und über den Schlaf der Gäste wachten. Und wenn mitten in der Nacht ein kleiner Rabauke[6] seinen Lieblingsschmelzkäse wollte, und drohte loszuschreien, wurde dieser auch organisiert.

Lieder hatten einen wichtigen Stellenwert, wie in vielen Lagern auch. Mit der Zeit stellen sich die Klassiker heraus, die von den Helfer, sowie auch den Gästen da und dort immer wieder gesummt werden. „In his hand he has got the whole world“, „Es gibt ein Leben nach dem Tod“, „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ waren grosse Hits, die jeden in eine bedächtige Stimmung zu bringen vermochten. Zu den morgendlichen Tanz und Bewegungsaktivitäten wurde jeweils englische oder arabische Tanzmusik gespielt.

Die Helfer in unserem Camp kamen zum grössten Teil aus Deutschland. Die Schweizer waren mit sechs Teilnehmern zugegen. Es gab jedoch auch eine Französin, einen Österreicher, einen Iren und dann Libanesische Helferinnen und Helfer. Neben der einzigartigen Erfahrung der Fürsorge für einen Gast, war es auch eine interkulturelle Erfahrung über sprach- und auch Religionsbarrieren hinweg, denn nicht wenige Gäste waren schiitische oder sunnitische Muslime oder Anhänger anderer Religionsgemeinschaften wie der Drusen. Auch die wenigen muslimischen Helfer freuten sich stets auf die Gottesdienste, so meinte einer „I think the masses always create such a spiritual athmosphere“. Ein weiterer Helfer namens Baquer Obeid meinte: „Here in Sourat we have created a real island of peace.“ Am Abend war Almaza-Time[7] wobei die Helfer die Möglichkeit hatten, in einer geselligen Atmosphäre den Tag ausklingen zu lassen und mit den Kollegen über den Tag und häufig auch über Gott und die Welt diskutieren, wo sich auch Abouna, Hakima und Masuul dazugesellten.

Die Gäste waren allesamt einzigartig. Es war nur richtig, dass sie den Helfern fix zugewiesen wurden, denn ein jeder war gleich willkommen, ein jeder hatte das Anrecht in diesem Lager unbefangen, mit offen Armen empfangen zu werden. Das Spektrum der Behinderungen war vielfältig. Diese waren häufig sowohl psychischer als auch physischer Natur und gingen von Altersdemenz bis hin zu Trisomie 21. Diese Behinderungen können in den von Spenden getragenen Heimen nicht nach europäischem Standard unterteilt und den Bedürfnissen entsprechend individuell gefördert werden. Einige waren psychisch derart präsent, dass zuweilen nicht viel gefehlt hatte und sie hätten ein unabhängiges Leben führen können. Wiederum andere hatten gleich mehrere Gebrechen, wie beispielsweise Taubheit, Stummheit, Blindheit und Lähmung. Es sind immer die einzelnen Schicksale, die die Tiefe der erlebten Menschlichkeit am besten veranschaulichen können. An dieser Stelle soll der zwanzigjährige Ahmed erwähnt sein, dessen Beispiel pars pro toto darstellen soll, welche Art Ereignisse sich ständig abspielten und beobachtet werden konnten. Ahmeds Eltern waren Geschwister, der Bruder hatte die Schwester vergewaltigt. Der kleinwüchsige Ahmed war an den Rollstuhl gebunden, hatte eine ausgeprägte Kyphose[8] und war zudem taub und stumm. Er hatte aber einen klaren Verstand, gütige Augen und konnte mit den Händen Zeichen und Anweisungen geben. Schon nach kurzer Zeit war er und sein Helfer ein eingespieltes Team, die Toilettengänge, Duschen, Essen, Medikamenteneinnahme, Fussballspielen[9] spielend beherrschten. Wenn der Helfer sich einmal eine Zigarette anzündete, wollte Ahmed unbedingt das Feuerzeug in den Händen halten und mit ein bisschen Unterstützung Feuer geben. Einmal hatten sie neben mir und meinem Gast Charbel ihre Mahlzeit eingenommen. Charbel war gänzlich auf meine Unterstützung angewiesen beim Essen und so habe ich es als geeignet betrachtet, zuerst Charbel zu Essen zu geben und danach mein Mahl einzunehmen. Ahmed hatte aber nicht gesehen, wie Charbel bereits gegessen hatte. So stupste er mich an, und bedeutete mir wiederholt mit einem Lächeln, ich solle doch auch Charbel zu essen geben. Mehrere Male habe ich diese Fürsorglichkeit Ahmeds beobachtet. Seine Behinderung behinderte ihn in keiner Weise in der Sorge um seinen Nächsten. Sein Helfer, ein Libanese, wird Ahmed, der nie Besuch bekommt im Heim, von jetzt an ein Mal im Monat besuchen gehen. Die sonst so gewohnten Kommunikationsmittel mussten im Umgang mit den Gästen abgelegt werden; konzeptualisierte und intellektualisierte Interaktion wich zugunsten eines direkteren Umgangs. Geduld, Zuneigung, Berührung der Person wie zum Beispiel den Arm um die Schulter legen, wurden die Kommunikationsmittel. Kleine Spässe wie Pfeifen, ein Lied vorsingen oder sonst wie Quatsch machen, waren wichtig. Die Kreativität der Helfer war gefragt, was auch deren soziale Kompetenz stimulierte und anregte. So verschieden die Gäste waren, so verschieden waren die Betätigungen, für die auch neben den gemeinsamen Aktivitäten noch immer viel Zeit blieb. Die neunzehnjährige Kassandra im Rollstuhl hatte eine bemerkenswerte Lieblingsbetätigung. Ihr Helfer, der Gott sei Dank genug gross war, musste ihr kleine Ästchen von den vielen Olivenbäumen runterreichen. Sie verarbeitete diese weiter, indem sie die Blätter und kleinen Verästelungen vom Hauptzweig entfernte. Diese bleistiftlangen Stäbchen umklammerte sie fest in der Hand. Häufig konnte man Kassandra und ihren Helfer Konstantin beobachten, wie sie neben einem Olivenbaum standen und sich geduldig und mit grosser Konzentration diesem Handwerk hingaben. Selbst unter der Dusche, beim Wechseln der Windeln oder zum Schlafen wollte Kassandra ihre Stäbchen nicht aus der Hand geben. Die Gäste waren schliesslich in den Ferien, und da war es bewusst so angedacht, dass sie entscheiden, was sie nach oder vor den gemeinsamen Aktivitäten zu tun gedachten, sei es Ballspielen, Tee trinken, spazieren, mit anderen Gästen zusammensitzen oder Musik hören. Erstaunlich waren die Fortschritte der Gäste auf körperlicher und geistiger Ebene. Einige Gäste waren zu Beginn ob der ihnen zugebrachten Zuwendung beinahe skeptisch, da sie dies nicht gewohnt waren. Schnell aber festigten sich die Helfer-Gäste-Beziehungen und es wurden eingespielte Binome. Charbel etwa konnte mit ein bisschen Unterstützung auf seinen eigenen Beinen gehen und wurde zusehends selbstsicherer, was aber aufgrund fehlender personeller Resourcen im Heim nicht geübt werden. Eine Gästin lernte etliche Schweizerdeutsche Ausdrücke, die sie vergnügt vortrug. In den meisten Fällen liess sich in den wenigen Tagen ein richtiggehendes Aufblühen der Person beobachten. Diejenigen Gäste, die sich verbal verständigen konnten, meinten allesamt, wie dieses Lager ihnen ein Quell der Freude und das nächste Lager ein Lichtblick im Heimalltag sein werde.

Aus sprachlicher Sicht plädiere ich für einen Begriff, der nicht mehr implizit die Be-hinderung ausdrückt. Das Wort „Behinderter“ ist vorbelastet und suggeriert, dass es Leute gibt, die normal seien und Leute, die zu etwas nicht befähigt sind. Wenn wir aber jede Person nach dem bewerten, was sie kann, gibt es keine Behinderten mehr. Ein Fussballspieler wird nicht nach seinen Geographiekenntnissen und ein Professor nicht nach seiner Handwerkskunst bewertet, sondern nach ihren jeweiligen Talenten. Eines der Talente der Gäste auf jeden Fall, war es, den Helfern eine sehr tiefe menschliche Erfahrung zu ermöglichen. Ein Diplomat, der das Lager besuchte, meinte danach: „Dass sich die Gäste freuen würden, war abzusehen. Aber auch die Helfer strahlten vor Freude während der Aktivitäten.“ Die „conditio humana“ gilt ungebrochen für die Behinderten: Was die grundmenschlichen Themen Freude, Neid, Spass am Lernen und Lehren, Einkehr, Trauer, Humor, Verspieltheit, Freundschaft, Liebe, Zuwendung und Stolz betrifft, sind sie auch relevant; zum Teil in anderen Ausführungen. Deshalb nannten wir unsere Besucher aus den Heimen stets Gäste, Schützlinge oder Freunde.

S.S

Bericht Schweizer Lager im Libanon Sommer 2014.pdf

.[1] Der Auspruch „Hi, kifak, ça va?“ zeigt wie vielsprachig Libanon ist. Viele Libanesen sprechen untereinander auch Französisch oder Englisch. Kifak bedeutet „Wie geht es dir?“ Bitak hamam bedeutet „musst du auf die Toilette gehen. Ein wichtiger Satz im Umgang mit den Gästen.
[2] Das Dorf Kana in Libanon soll der Ort gewesen sein, an dem Jesus Wasser in Wein verwandelt hatte.
[3] Arabisch für Ärztin.
[4] Arabisch „unseren Vater“
[5] Er war begeistert von der Hingabe der Helferinnen und Helfer, sodass er zum Schluss sagte: „It is because of people like you that I have become a priest“
[6] Wir hatten auch Kinder unter den Gästen.
[7] Almaza ist das bekannteste libanesische Bier.
[8] Gekrümmte Wirbelsäule.
[9] Wobei er den Ball auf den Rollstuhl gelegt bekam.